Fast 67,5 Stunden pro Woche verbringen Menschen in Deutschland online. Gleichzeitig erleben analoge Hobbys, handgemachte Kunst und persönliche Kreativtreffen ein bemerkenswertes Comeback. Was steckt hinter dieser neuen Lust am Selbermachen?
Ein Bild entsteht heute innerhalb weniger Sekunden. Ein kurzer Prompt genügt, und eine künstliche Intelligenz liefert Landschaften, Porträts oder Fantasiewelten, für die früher Stunden, Tage oder sogar Wochen notwendig gewesen wären. Doch ausgerechnet in dieser Phase technischer Beschleunigung wächst ein gegenläufiges Bedürfnis: Menschen wollen wieder selbst malen, zeichnen, töpfern, stricken, fotografieren und gestalten.
Analoge Hobbys sind 2026 mehr als eine nostalgische Freizeiterscheinung. Sie gehören zu einer kulturellen Gegenbewegung, die nicht grundsätzlich gegen Technik gerichtet ist. Vielmehr geht es um die Frage, was uns fehlt, wenn ein immer größerer Teil unseres Lebens über Displays, Plattformen und automatisierte Systeme stattfindet.
Fast zehn Stunden täglich online
Die aktuelle Postbank-Digitalstudie 2026 liefert dafür eine bemerkenswerte Zahl: Menschen in Deutschland verbringen durchschnittlich 67,4 Stunden pro Woche im Internet. Umgerechnet sind das rund neun Stunden und 40 Minuten täglich. Darin enthalten sind unterschiedliche Geräte und Nutzungsarten – die Zahl bedeutet also nicht, dass täglich fast zehn Stunden durch soziale Netzwerke gescrollt wird.
Dennoch zeigt sie, wie tief das Internet inzwischen in Arbeit, Kommunikation, Unterhaltung und Alltag eingebunden ist. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Onlinezeit gegenüber dem Vorjahr um rund fünf Stunden. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den 18- bis 39-Jährigen: 31 Prozent von ihnen möchten ihre Internetnutzung in den kommenden zwölf Monaten noch weiter reduzieren.
Von den Menschen, die weniger Zeit online verbringen wollen, möchten 41 Prozent den gewonnenen Freiraum für Familie, Freunde oder Hobbys nutzen. Auch die regelmäßige Verwendung sozialer Netzwerke ging laut der Studie zurück. [1]
Die Zahlen erzählen deshalb nicht nur von enormer Bildschirmzeit. Sie zeigen auch den Beginn einer bewussteren Auswahl: Welche digitalen Angebote erleichtern unseren Alltag – und welche nehmen mehr Aufmerksamkeit in Anspruch, als wir ihnen eigentlich geben möchten?
Warum wir selbst beim Abschalten zum Smartphone greifen
Eine im Juli 2026 veröffentlichte Untersuchung der Universität Duisburg-Essen liefert einen weiteren wichtigen Baustein. Rund 900 Erwachsene wurden über zwei Wochen zu verschiedenen Formen ihrer Internetnutzung, ihrer Stimmung, ihrem Stress und der Vernachlässigung anderer Tätigkeiten befragt.
Das Ergebnis ist differenzierter als die verbreitete Annahme, wir würden allein aus Stress oder schlechter Stimmung zum Smartphone greifen. Als besonders wichtiger Faktor erwies sich die unmittelbare Versuchung, online zu gehen. An Tagen, an denen diese Versuchung stärker war, verbrachten die Teilnehmenden mehr Zeit mit Onlineaktivitäten und vernachlässigten häufiger andere Bereiche.
Die Forschenden weisen ausdrücklich darauf hin, dass eine lange Internetnutzung allein noch keine problematische Nutzung bedeutet. Das Internet kann Freude bereiten, Kontakte ermöglichen und Entlastung schaffen. Kritisch wird es dort, wo andere wichtige Tätigkeiten, Beziehungen oder Verpflichtungen dauerhaft zurückgedrängt werden.
Die Studie kommt zu einem interessanten praktischen Schluss: Sinnvoll können Alternativen sein, die ebenfalls Freude oder Entlastung bieten, ohne andere Lebensbereiche zu verdrängen. [2]
Vielleicht besteht die Antwort deshalb nicht nur darin, das Smartphone wegzulegen. Vielleicht müssen wir wieder Tätigkeiten entdecken, nach denen wir ebenso selbstverständlich greifen können.
Analoge Hobbys werden zum Kulturtrend
Genau hier beginnt das Comeback der analogen Hobbys. Gemeint sind Beschäftigungen, bei denen Aufmerksamkeit, Material und die eigenen Hände zusammenkommen: Malen, Zeichnen, Töpfern, Nähen, Stricken, Gärtnern, Journaling, analoge Fotografie oder das Gestalten von Collagen.
Die Nachrichtenagentur Associated Press berichtete im März 2026, dass gerade jüngere Menschen traditionelle, haptische Beschäftigungen neu entdecken. Manche dieser Tätigkeiten werden in sozialen Netzwerken augenzwinkernd als „Grandma Hobbies“ bezeichnet. Hinter dem modischen Begriff steckt jedoch ein ernst zu nehmendes Bedürfnis: Freizeit soll nicht ausschließlich aus digitalem Konsum bestehen, sondern wieder ein sichtbares oder greifbares Ergebnis hervorbringen. [3]
Auch Marktdaten weisen in diese Richtung. Die amerikanische Kreativhandelskette Michaels meldete einen Anstieg der Suchanfragen nach „analog hobbies“ um 136 Prozent innerhalb eines halben Jahres. Der Verkauf angeleiteter Kreativsets stieg dem Unternehmen zufolge 2025 um 86 Prozent. Diese Unternehmenszahlen sind keine repräsentative Bevölkerungsstudie, aber ein deutliches Indiz für das wachsende Interesse am Selbermachen. [4]
Ein weiterer Ausdruck dieses Trends ist die sogenannte „Analog Bag“. In solchen Taschen befinden sich keine technischen Geräte, sondern Bücher, Rätsel, Skizzenblöcke, Stifte, Handarbeiten oder eine analoge Kamera. Die Idee dahinter ist einfach: Wer beim Warten, Reisen oder Entspannen nicht automatisch zum Smartphone greifen möchte, braucht eine unmittelbar erreichbare Alternative. [5]
Nach dem KI-Boom wächst die Sehnsucht nach dem Unperfekten
Die Rückkehr des Analogen fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der künstliche Intelligenz Bilder, Musik, Texte und Videos in immer größeren Mengen produziert. Je perfekter digitale Ergebnisse erscheinen, desto interessanter werden sichtbare Spuren menschlicher Arbeit: eine unregelmäßige Linie, die Struktur einer Leinwand, eine bewusst gesetzte Farbschicht oder ein überraschender Fehler, aus dem etwas Neues entsteht.
Der Designbericht „Imperfect by Design“ von Canva nennt menschliche Unvollkommenheit, haptische Texturen und den Wunsch nach kreativer Kontrolle als prägende Tendenzen des Jahres 2026. Die ausgewerteten Daten zeigen dabei keinen vollständigen Rückzug von KI. Vielmehr suchen viele Kreative nach einem Gleichgewicht zwischen technischen Werkzeugen und einer persönlichen, wiedererkennbaren Handschrift. [6]
Das ist ein entscheidender Unterschied. Menschlich geschaffene Kunst wird nicht deshalb bedeutend, weil Technik grundsätzlich schlecht wäre. Sie gewinnt an Bedeutung, weil in ihr eine Handlung sichtbar bleibt. Ein gemaltes Bild dokumentiert Entscheidungen, Zweifel, Überarbeitungen und Zufälle. Sein Wert liegt nicht allein im fertigen Motiv, sondern auch in der Zeit und Aufmerksamkeit, die ein Mensch ihm gegeben hat.
KI kann ein Bild erzeugen. Sie kann uns jedoch nicht das persönliche Erlebnis abnehmen, selbst vor einer Leinwand zu stehen, Farben auszuwählen und zu beobachten, wie aus einer zunächst unsicheren Idee Schritt für Schritt etwas Eigenes entsteht.
Kultur wird wieder zu etwas, das wir selbst tun
Damit verändert sich auch unser Verständnis von Kultur. Kunst wird nicht mehr ausschließlich im Museum oder in einer Galerie betrachtet. Immer mehr Menschen möchten selbst ausprobieren, gestalten und gemeinsam mit anderen kreativ werden.
Deutschlandfunk Kultur berichtet über wachsende Offline-Clubs, Buchkreise und analoge Treffen, bei denen gelesen, geschrieben, gezeichnet oder gestrickt wird. Entscheidend ist dabei nicht nur die jeweilige Tätigkeit. Es geht ebenso um persönliche Begegnungen und um Orte, an denen Aufmerksamkeit nicht permanent zwischen einem Gespräch und dem nächsten Blick auf das Display wechselt. [7]
Gerade Kunst besitzt dafür eine besondere Qualität. Wer malt, muss nicht bereits Künstlerin oder Künstler sein. Es geht zunächst um Farbe, Bewegung, Wahrnehmung und persönliche Entscheidungen. Das Ergebnis muss nicht perfekt sein, um individuell zu werden.
Auch bewusster Genuss folgt einem ähnlichen Prinzip. Ein Olivenöl nur schnell zu verwenden, ist etwas anderes, als seine Farbe zu betrachten, daran zu riechen, verschiedene Nuancen zu schmecken und etwas über Herkunft und Herstellung zu erfahren. Malerei und Verkostung haben deshalb mehr gemeinsam, als es zunächst scheint: Beide verlangen Aufmerksamkeit für Unterschiede, die im schnellen Alltag leicht übersehen werden.
Veranstaltungstipp der GlowArt Gallery: ART & APÉRO in Hannover-Laatzen
Wie sich dieser Kulturtrend praktisch erleben lässt, zeigt die GlowArt Gallery im Leine-Center Laatzen mit ART & APÉRO: Kunst schaffen. Sizilien kosten.
Am Samstag, 19. September 2026, verbindet die Veranstaltung einen angeleiteten Kreativworkshop mit einer sizilianischen Olivenölverkostung. Unter der persönlichen Anleitung der Künstlerin Albina Dvortsis gestalten die Teilnehmenden ein eigenes Bild. Künstlerische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Sämtliche Malmaterialien sind im Teilnahmebeitrag enthalten, und das entstandene Werk darf anschließend mit nach Hause genommen werden.
Nino Narciso, Inhaber von OlioNarciso.com, führt während des Nachmittags in die Welt sizilianischen Olivenöls ein. Eine Verkostung, Fingerfood sowie Weiß- und Rotwein begleiten das kreative Arbeiten.
ART & APÉRO überträgt damit einen internationalen Kulturtrend nach Hannover und in die Region: weg vom ausschließlichen Betrachten, hin zum eigenen Gestalten – verbunden mit Geschmack, Gesprächen und einer Erfahrung, die nicht auf einem Display stattfindet.
ART & APÉRO – Kunst schaffen. Sizilien kosten.
- Termin: Samstag, 19. September 2026
- Uhrzeit: 16:00 bis 19:00 Uhr
- Ort: GlowArt Gallery, Leine-Center im Obergeschoss, Albert-Schweitzer-Straße 10, 30880 Laatzen
- Teilnahmebeitrag: 150 Euro
- Plätze: kleine Runde mit 10 bis 15 Teilnehmenden
- Leistungen: Kreativworkshop, sämtliche Malmaterialien, eigenes Kunstwerk, Olivenölverkostung, Fingerfood, Weiß- und Rotwein
- Vorkenntnisse: nicht erforderlich
Alle Informationen zu ART & APÉRO in der GlowArt Gallery
Der neue Luxus ist ungeteilte Aufmerksamkeit
Die digitale Welt wird nicht verschwinden – und die meisten Menschen möchten sie auch nicht grundsätzlich verlassen. Aber gerade deshalb werden Räume wertvoller, in denen nicht Geschwindigkeit, Reichweite und ständige Verfügbarkeit den Takt bestimmen.
Vielleicht besteht der neue Luxus nicht darin, innerhalb von Sekunden möglichst viele Bilder erzeugen zu können. Vielleicht besteht er darin, sich drei Stunden lang auf ein einziges eigenes Bild einzulassen.
Häufige Fragen zu analogen Hobbys und kreativen Workshops
Was sind analoge Hobbys?
Analoge Hobbys sind Freizeitbeschäftigungen, bei denen nicht ein Bildschirm, sondern eine körperliche oder haptische Tätigkeit im Mittelpunkt steht. Dazu gehören unter anderem Malen, Zeichnen, Töpfern, Stricken, Nähen, Gärtnern, Journaling und analoge Fotografie.
Warum sind analoge Hobbys 2026 so beliebt?
Als Gründe gelten die hohe tägliche Internetnutzung, digitale Ermüdung, die wachsende Menge automatisierter Inhalte und das Bedürfnis nach greifbaren Ergebnissen und persönlichen Begegnungen. Analoge Hobbys ersetzen digitale Angebote nicht vollständig, schaffen aber einen bewussten Ausgleich.
Kann man in Hannover oder Laatzen ohne Vorkenntnisse malen?
Ja. Bei ART & APÉRO in der GlowArt Gallery Hannover-Laatzen begleitet die Künstlerin Albina Dvortsis auch Anfängerinnen und Anfänger bei der Gestaltung eines eigenen Bildes. Materialien werden gestellt, und das fertige Werk kann mitgenommen werden.
