

Wenn eine Idee Zeit bekommt
Zwischen innerem Bild und offenem Prozess findet die Künstlerin ihre eigene Form für Gefühle, Wandel und den richtigen Moment.
Bevor Andrea Köllmann den Pinsel in die Hand nimmt, ist das Bild bereits da. Nicht auf der Leinwand, sondern in ihrem Kopf. Eine Idee begleitet sie eine Weile, gewinnt Kontur, verändert sich – bis der Moment gekommen ist, ihr Gestalt zu geben. Doch was dann entsteht, ist keine bloße Ausführung eines fertigen Plans. Während des Malens kommen neue Gedanken hinzu, Techniken und Materialien greifen ineinander, Form und Farbe verschieben die ursprüngliche Vorstellung. Genau in dieser Spannung zwischen innerem Bild und offenem Prozess liegt ein Schlüssel zu ihrer Arbeit.
Ihre Motive folgen keinem starren Programm. Andrea malt, was sie interessiert; die Bildgegenstände können wechseln, die Impulse entstehen häufig spontan. Das Verbindende ist deshalb weniger ein wiederkehrendes Motiv als eine bestimmte Art des Arbeitens: erst wahrnehmen und mit einer Idee leben, dann entscheiden – und im entscheidenden Augenblick bereit sein, die Kontrolle wieder ein Stück abzugeben. So bleibt die Malerei bei ihr zugleich überlegt und beweglich.
Dass Bilder Empfindungen und Gefühle ausdrücken können, erkannte Andrea nach eigener Darstellung früh. Zur Hauptsache wurde die Malerei jedoch nicht auf geradem Weg. Ihre berufliche Biografie begann mit einer Ausbildung zur Erzieherin; später arbeitete sie selbstständig als Masseurin. Der künstlerische Weg führte damit nicht über eine klassische Kunstakademie, sondern durch unterschiedliche Lebens- und Arbeitsphasen. Kreativität blieb dabei präsent, doch zunächst stand anderes im Vordergrund.
Der Wendepunkt kam, als Ereignisse, die sich ihrer Kontrolle entzogen, die gewohnte Tätigkeit zeitweise unmöglich machten. Andrea beschreibt diese Erfahrung nicht nur als Einschränkung, sondern auch als unerwartete Öffnung: Plötzlich war Zeit für etwas vorhanden, das lange in ihr gelegen hatte. Mit der bewussten Entscheidung für die Selbstständigkeit entstand zusätzlich der Freiraum, den die Malerei brauchte. Aus einem zurückgestellten Wunsch entwickelte sich eine konsequente künstlerische Arbeit.
Diese Entstehungsgeschichte erklärt auch, warum Begriffe wie Wandel, Geduld und der richtige Moment in der Beschäftigung mit ihren Bildern so naheliegen. Bei Andrea ist Veränderung kein abstraktes Thema. Sie zeigt sich bereits in der Methode: Eine spontane Idee wird zunächst bewahrt, dann auf die Leinwand übertragen und währenddessen erneut verwandelt. Die ursprüngliche Inspiration ist Ausgangspunkt, aber nicht Grenze. Erst wenn die verschiedenen Entscheidungen zu einem stimmigen Verhältnis gefunden haben, ist das Werk abgeschlossen.
Andrea experimentiert dabei mit unterschiedlichen Techniken und Materialien, ohne das Experiment zum Selbstzweck zu erklären. Entscheidend bleibt das Zusammenspiel von Form und Farbe. Gerade weil die Motive variabel sind, erhält dieser Prozess besonderes Gewicht. Ihre künstlerische Handschrift lässt sich nicht auf ein einziges Motiv oder eine festgelegte Bildwelt reduzieren. Sie liegt in der Bereitschaft, einer Vorstellung zu folgen, ohne sie gegen jede Veränderung zu verteidigen.
Für Betrachterinnen und Betrachter entsteht daraus ein reizvolles Wechselspiel. Die Arbeiten gehen von einer klaren inneren Vorstellung aus und bewahren dennoch die Spuren eines Prozesses, in dem neue Möglichkeiten zugelassen werden. Sie können als Bilder über Übergänge gelesen werden: über das Innehalten vor einer Entscheidung, über die Kraft, einen unerwarteten Einschnitt nicht nur als Ende zu sehen, und über das Vertrauen darauf, dass eine Form manchmal erst im Tun entsteht.
Seit ihrer ersten größeren Ausstellung 2023 in einer Galerie in der Hamburger HafenCity wurden die Arbeiten von Andrea Köllmann auch in Berlin, Palma de Mallorca, Dubai und Zürich präsentiert. Zu den zurückliegenden Stationen gehörte außerdem die GlowArt Gallery in Hannover-Laatzen. Die unterschiedlichen Orte markieren eine wachsende Sichtbarkeit, während der Ausgangspunkt ihrer Kunst bemerkenswert persönlich geblieben ist: eine Empfindung, eine Idee, ein inneres Bild, das Zeit braucht.
Vielleicht ist das die präziseste Beschreibung ihrer Haltung zur Malerei: Andrea wartet nicht passiv auf Inspiration, aber sie zwingt eine Idee auch nicht vorschnell in eine endgültige Form. Sie gibt ihr Raum, nimmt sie ernst und lässt zu, dass sie sich verändert. Am Ende steht ein Werk, das nicht nur zeigt, was die Künstlerin ursprünglich vor Augen hatte – sondern auch, was auf dem Weg dorthin möglich geworden ist.

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