

Die Freiheit des zweiten Blicks – Kordula Bode und das Aquarell
Naturbeobachtung, biografischer Wendepunkt und die offene Sprache des Aquarells prägen das Werk der Hannoveraner Künstlerin.
Aus einer schwierigen Lebensphase heraus fand Kordula Bode zur Aquarellmalerei. Heute schöpft sie ihre Motive aus Spaziergängen in der Natur. Ihre Bilder lassen Landschaften, Bäume, Wasser und Blüten sichtbar werden – und halten zugleich Raum für die Fantasie der Betrachtenden frei.
Das Wasser ist in Kordula Bodes Bildern Mitspieler und Widerstand zugleich. Es trägt Pigmente über das Papier, weicht Konturen auf und lässt Formen an ihren Rändern in Bewegung geraten. Gerade diese Offenheit entspricht dem, was die Künstlerin am Aquarell fasziniert: Ein Bild soll nicht alles festlegen. Es darf den Menschen davor die Freiheit lassen, mit eigenen Erinnerungen und Vorstellungen weiterzusehen.
Ihre Bildwelt hat dabei wiedererkennbare Anker. Landschaften, Bäume, Wasser und Himmel kehren ebenso wieder wie Bergformen und Blüten. Kühle Blau- und Grüntöne prägen einen Teil der Arbeiten, während andere mit Rot und Gelb deutlich wärmere Akzente setzen. Das Gegenständliche bleibt erreichbar, doch es wird nicht zum engen Deutungsrahmen. Ein Baum ist Baum und zugleich Linie, Verdichtung, Richtung; eine Wasserfläche kann zum Ort werden oder einfach zur Bewegung von Farbe.
Ein Einschnitt wird zum Anfang
Kordula Bode wurde am 4. August 1962 in Hannover geboren und lebt heute wieder in der Nähe der Stadt. Dazwischen führte ihr Leben sie nach Süddeutschland und in den hohen Norden, ohne dass die vorliegenden Angaben die Orte näher bestimmen. Sie ist Mutter von zwei Töchtern. Diese biografischen Eckpunkte erzählen von Ortswechseln und Rückkehr. Wann die Kunst darin ihren festen Platz erhielt, wird nicht mit einem Jahr benannt, sondern mit einer Erfahrung.
Der entscheidende künstlerische Impuls entstand in einer schwierigen Lebensphase. Über die Einzelheiten macht Bode keine Angaben; klar benennt sie jedoch die Folge: Sie entdeckte das Malen für sich, besonders die Aquarellmalerei. Seitdem verbindet sich ihr künstlerisches Schaffen mit der Natur, aus deren Spaziergängen sie Inspiration schöpft. Persönliche Erfahrung, genaue Wahrnehmung und das Eigenleben des Materials treffen dabei aufeinander, ohne dass eines davon zur fertigen Erklärung für die Bilder wird.
Gerade das Aquarell passt zu einer solchen Offenheit. Das Medium verlangt Entscheidungen, widersetzt sich aber vollständiger Kontrolle. Wasser verteilt Farbe, Pigmente lagern sich unterschiedlich dicht ab, Übergänge können weich auslaufen oder plötzlich eine klare Kante bilden. Wer damit arbeitet, muss führen und zugleich reagieren. In Bodes Kunst wird aus diesem Wechselspiel eine erkennbare Haltung: Sie gibt dem Motiv eine Richtung, ohne seine Wirkung abschließend vorzuschreiben.
Spaziergänge, die in Bildern weitergehen
Ihre Inspiration findet Kordula Bode auf Spaziergängen in der Natur. In ihren Arbeiten entfaltet sich diese Quelle in mehreren Motivgruppen: Baumformen und Landschaftsräume, Wasser und offene Himmel, bergartige Konturen und Blüten. Nichts davon verlangt eine komplizierte kunsttheoretische Übersetzung. Die Motive bieten einen unmittelbaren Einstieg, doch die Beweglichkeit des Aquarells hält sie offen.
Diese Offenheit ist kein Mangel an Aussage. Sie ist ein wesentlicher Teil der Aussage. Bode interessiert sich ausdrücklich dafür, dass jede Betrachterin und jeder Betrachter die eigene Fantasie einsetzen kann. Darin liegt die besondere Zugänglichkeit ihrer Malerei: Man braucht kein kunsthistorisches Vorwissen, um einen Zugang zu finden. Ein Naturmotiv bietet Halt; das Fließen und Verdichten der Farbe verhindert zugleich, dass der Blick bei der bloßen Wiedererkennung stehen bleibt.
So entsteht eine Spannung zwischen Nähe und Unbestimmtheit. Landschaft funktioniert bei Bode nicht allein als erkennbare Szenerie, sondern als Feld für Wahrnehmung. Die Motive bleiben sichtbar, ihre Grenzen jedoch durchlässig. Farbe kann Raum beschreiben und sich zugleich davon lösen. Warm und kühl, dicht und transparent, ruhig und bewegt stehen nicht sauber getrennt nebeneinander, sondern gehen ineinander über – so, wie es das Wasser auf dem Papier ermöglicht.
Die Freiheit des zweiten Blicks
Bodes künstlerische Handschrift liegt weniger in einer demonstrativen Geste als in dieser beharrlichen Offenheit. Sie stellt dem Publikum keine fertige Lesart hin. Stattdessen schafft sie Bedingungen für einen zweiten Blick: Was zunächst als Baum, Blüte, Wasser oder ferne Landschaft erscheint, kann sich beim längeren Sehen in Rhythmus, Farbspannung oder persönliche Erinnerung verwandeln.
Die Wirkung dieser Arbeiten entsteht dort, wo das Bild genügend Form anbietet, um Orientierung zu geben, und genügend Freiheit bewahrt, um nicht abgeschlossen zu sein. Darin verdichtet sich auch Bodes Haltung zum eigenen Schaffen: Die Natur setzt den Impuls, das Aquarell bringt seine eigene Bewegung ein, und die Betrachtenden führen das Bild in ihrer Fantasie weiter. Kordula Bodes Kunst beginnt mit Wasser auf Papier. Sie endet nicht am Blattrand.

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