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Regina Reichenbach

  • Vernissage

    Regina Reichenbach. Vom Schwarz zur Farbe

    Wie Sie mit Ölfarben wieder Zugang zu sich selbst fand

    Am Anfang sind es zehn Minuten. Länger kann Regina Reichenbach sich nicht konzentrieren, als sie nach langer Pause wieder vor einer Leinwand sitzt. Fantasie, Gefühle, innere Bilder – vieles scheint verschwunden. Trotzdem malt sie am nächsten Tag weiter. Und am übernächsten. Aus zehn Minuten wird langsam eine Stunde. Die Malerei wird zu einer täglichen Übung und schließlich zu dem, was Reichenbach selbst ihr „Überlebenselixier“ nennt.

    Geboren wird sie 1961 in Berlin. Heute lebt sie in Töpchin im Süden Brandenburgs. Die Kunst begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Ihr Vater malt mit Ölfarben und zeigt ihr den Umgang mit dem Material. Auch andere Mitglieder der Familie besitzen künstlerisches Talent. Doch während Reichenbach viele Jahre als Erzieherin in sozialpädagogischen Bereichen arbeitet, tritt die eigene Malerei in den Hintergrund. Familie und Beruf bestimmen den Alltag.

    2020 gerät dieses Leben aus dem Gleichgewicht. Reichenbach erkrankt nach eigenen Angaben an einer chronischen Depression und kann nicht mehr arbeiten. Die Welt verliert ihre Farben. Konzentration, Vorstellungskraft und emotionale Wahrnehmung brechen weg. Als sie 2022 beginnt, wieder intensiv mit Ölfarben auf Leinwand zu arbeiten, wird ihr zunächst bewusst, wie weit sie sich von sich selbst entfernt hat.

    Doch das Malen schafft einen Zugang. Nicht plötzlich und nicht als einfache Erfolgsgeschichte, sondern in kleinen, beharrlichen Schritten. Reichenbach setzt sich täglich an die Leinwand. Sie trainiert ihre Aufmerksamkeit, sucht nach Motiven und versucht, Empfindungen in Farbe zu übersetzen. Bilder helfen ihr dabei, Erlebtes zu verarbeiten und Gefühle wieder wahrzunehmen. Auch ein Kreativkurs und der Austausch über digitale Plattformen geben ihr neue Impulse.

    Diese Entwicklung lässt sich in ihrer Farbwelt nachvollziehen. Aus beinahe schwarzen Bildern werden Gemälde mit kräftigen Tönen, Licht und räumlicher Tiefe. Ihre Motive findet Reichenbach häufig in der Natur oder in Fotografien, die Verwandte und Bekannte ihr zusenden. Sie malt die Ostsee, einen strahlenden Sonnenaufgang, eine Holzbrücke im Harz, Flieder und immer wieder Birken. Werktitel wie „Ich an meiner Birke“ oder „Ich sitze unter der Birke“ zeigen, dass die Landschaft bei ihr mehr ist als bloße Kulisse. Sie wird zum persönlichen Ort, an dem äußere Natur und inneres Erleben zusammenfinden.

    Reichenbach arbeitet gegenständlich, doch reine Abbildung interessiert sie nicht. Entscheidend ist für sie die emotionale Tiefe eines Bildes. Farbe soll nicht nur beschreiben, sondern etwas spürbar machen. Dabei versteht sie sich als Lernende. Instagram und YouTube bezeichnet sie als wichtige Lehrer. Seit Februar 2025 besucht sie zudem einen Malkurs, in dem Zeichnung und das Zusammenspiel der Farben nach dem Vorbild Franz Marcs vermittelt werden. Eine Malwoche in der Prignitz mit dem Berliner Künstler André Bednarczik führt sie hinaus zwischen Wald und Feld. Das Arbeiten im Freien wird zu einer weiteren prägenden Erfahrung.

    Inzwischen sucht Regina Reichenbach zunehmend den Weg in die Öffentlichkeit. Sie hat Kontakte zu Galerien und Kunstplattformen aufgenommen, präsentiert ihre Arbeiten auf ihrer Website und führt auf Instagram unter dem Namen „ichstilbrechenart“ ein digitales Schaufenster ihrer Malerei. Dort zeigt sich eine Künstlerin, die sich nicht durch akademische Ausbildung definiert, sondern durch Erfahrung, Ausdauer und die Bereitschaft, sich sichtbar zu machen.

    Ihr Weg erzählt nicht davon, dass sich eine schwere Erkrankung einfach wegmalen ließe. Er erzählt davon, wie eine künstlerische Tätigkeit Halt, Struktur und einen neuen Ausdruck ermöglichen kann. Reichenbachs Bilder sind deshalb auch Zeugnisse eines langsamen Wiederannäherns: an die Farbe, an die eigenen Gefühle und an die Welt außerhalb der Depression.

    „Ich bin Künstlerin meiner Seele“, schreibt sie über sich. Der Satz wirkt nicht wie ein Etikett, sondern wie eine Erkenntnis. Regina Reichenbach hat die Kunst nicht neu erfunden. Aber sie hat durch die Kunst einen Teil von sich selbst wiedergefunden.

     

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