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Sonja Pelkowski

  • Vernissage

    Sonja Pelkowski: Die Kunst, dem Bruch eine Form zu geben

    Mit Kalk, Pigmenten und glänzendem Resin entwickelt Sonja Pelkowski Bilder, die im Dialog mit Material, Struktur und Intuition entstehen. Ihre Strukturmalerei macht sichtbar, was unter der Oberfläche arbeitet – und findet eine unverwechselbare Sprache für Veränderung, Transformation und Widerstandskraft.

    Ihre Bilder tragen Risse, harte Kanten und tiefe Schichten – nicht als Makel, sondern als Spuren von Bewegung. Nach vielen Jahren in Pädagogik und Psychotherapie und einer schweren chronischen Erkrankung tritt Sonja Pelkowski mit einer Kunst an die Öffentlichkeit, in der Verletzlichkeit und Stärke gleichzeitig bestehen dürfen.

    Wo Risse zu Kraftlinien werden

    Ein leuchtendes Blau stößt an eine rissige, erdfarbene Fläche. In „Was die Zeit zurücklässt“ ist der Bruch nicht das Ende des Bildes, sondern sein eigentlicher Anfang. Die Oberfläche wirkt wie eine Grenzzone: auf der einen Seite kühle Weite, auf der anderen ein Geflecht aus aufgesprungenen Schollen. Sonja Pelkowski glättet diesen Übergang nicht. Sie lässt Kanten stehen, Schichten sichtbar werden und Materialien ihre eigene Geschichte erzählen.

    Damit ist bereits viel über ihre Kunst gesagt. Pelkowskis Arbeiten suchen nicht nach makelloser Geschlossenheit. Sie bewegen sich zwischen Ruhe und Dynamik, Verletzlichkeit und Widerstandskraft, natürlicher Erosion und bewusst gesetzter Form. Was brüchig erscheint, kann bei ihr Halt geben. Was wie eine Grenze aussieht, kann zum Ausgangspunkt einer Veränderung werden.

    Wenn Grenzen sichtbar bleiben

    Diese Bildsprache ist ästhetische Entscheidung und persönliche Erfahrung zugleich, ohne dass jedes Werk zur Illustration eines Lebensabschnitts wird. Pelkowski lebt mit einer schweren chronischen Erkrankung.  Fünf Jahre, berichtet sie, sei sie bettlägerig gewesen, habe im Rollstuhl gesessen und die Hilfe ihres Mannes benötigt). Noch heute sind ihre Kräfte begrenzt. Das Malen fordert sie und gibt ihr zugleich Kraft, Lebensfreude und an guten Tagen zusätzliche Zeit

    Gerade deshalb haben Grenzen in ihrer Arbeit eine besondere Spannung. Bei manchen Bildern lockert Pelkowski harte Übergänge auf, bei anderen setzt sie diese bewusst. Die Erkenntnis, dass eine solche Eigenheit keine Schwäche, sondern Teil ihrer Handschrift ist, beschreibt sie als wichtigen Moment: „Was andere vielleicht als Eigenheit sehen, ist in Wirklichkeit meine Stärke.“

    Ihre Kunst wird dadurch nicht zur Krankheitsgeschichte. Doch sie erklärt, warum Motive wie Bruch, Regeneration, innere Stärke und Transformation immer wiederkehren. Pelkowski formuliert es so: „Meine Kunst ist ein Blick in die Seele – es entstehen Werke zwischen Verletzlichkeit und Widerstandskraft, getragen von der Kraft der Natur.“

    Ihre Bilder entstehen nicht nach einer fertigen Idee. Sie wachsen Schicht für Schicht im Dialog mit Material, Erfahrung und Intuition. Schichten werden aufgebaut, verändert, teilweise wieder freigelegt oder bewusst gebrochen. Dieser offene Prozess gründet nicht auf Zufall, sondern auf einem über Jahre gewachsenen Materialwissen. Gerade aus dem Zusammenspiel von handwerklicher Präzision, Materialkenntnis und künstlerischer Offenheit entsteht jene Bildsprache, die ihre Arbeiten prägt.

    In diesen Landschaften dürfen Empfindsamkeit und Widerstand nebeneinander stehen.

    Vom Vermitteln zum eigenen Ausdruck

    Bevor Pelkowski als freischaffende Künstlerin öffentlich hervortrat, hatte sie lange mit den Ausdrucksmöglichkeiten anderer gearbeitet. Sie war Sonderschulpädagogin, später Sonderschulrektorin und Ausbilderin angehender Lehrkräfte. Sie unterrichtete Kunst in den Klassenstufen eins bis neun, gab Technik- und Werkunterricht, leitete Kunst-AGs und begleitete Referendarinnen und Referendare. Zusätzlich qualifizierte sie sich als Heilpraktikerin für Psychotherapie und in Transaktionsanalyse.

    In dieser Laufbahn ging es um Wahrnehmung, Entwicklung und darum, individuelle Möglichkeiten ernst zu nehmen. Nach ihrer krankheitsbedingten Pensionierung verlagerte sich der Schwerpunkt: Aus dem Vermitteln wurde ein immer konsequenteres eigenes Gestalten. Pelkowski begann, Materialien zu prüfen, zu schichten, zu verändern und mitunter bewusst zu „zerstören“, um aus dem Bestehenden etwas Neues hervortreten zu lassen.

    Dabei entwickelte Pelkowski nicht nur ihre Bildsprache weiter, sondern auch viele ihrer Strukturmaterialien selbst. Statt überwiegend auf fertige Strukturpasten zurückzugreifen, entstehen zahlreiche Mischungen im Atelier. Dahinter steht kein Zufallsprinzip, sondern ein über Jahre gewachsenes Materialwissen, das handwerkliche Präzision mit künstlerischer Offenheit verbindet.

    Die kreative Neugier war früh von Familie und Schule gefördert und während ihres Studiums vertieft worden. Nun wurde sie zum Motor einer eigenständigen künstlerischen Praxis. Ihre erste Ausstellung „Kunst am See“ in Konstanz, gemeinsam mit acht weiteren Künstlerinnen und Künstlern zum Thema Wasser, Erde und Natur, markierte den Schritt an die Öffentlichkeit.

    Material, das Erinnerung trägt

    Im Mittelpunkt von Pelkowskis Arbeit steht die Strukturmalerei. Auf Holzmalgründen verbindet sie Acryl und Acryl Inks mit Sumpfkalk, Marmormehl, Crackle-Pasten, Sand, Pigmenten, Beizen, Sprays oder Fasern. Pelkowski stimmt diese und die Strukturmaterialien gezielt auf den jeweiligen Bildprozess ab.

    Häufig kommt Resin hinzu: Das Harz legt eine glänzende Tiefe über die rauen, reliefartigen Zonen und bringt einen reizvollen Widerspruch ins Bild. Spröde Risse treffen auf glatte Flächen, mineralische Anmutungen auf intensive Farbe.

     

    Die zur GlowArt Gallery eingereichte Auswahl zeigt die große Bandbreite ihrer Bildsprache. Während Werke wie „With Hope“ mit leuchtenden Neon- und Fluoreszenzfarben sowie kraftvollen Pink-, Rosa-, Orange- und Rottönen eine intensive Strahlkraft entfalten, wirken Arbeiten wie „Aqua Terra“ oder „was die Zeit zurücklässt“ ruhig, mineralisch und erdverbunden. Sie verbinden Blau, Türkis und erdige Partien. „Atem der Erde“ lässt eine kühle obere Zone über warmen, körnigen Schichten schweben. In „Wurzeln, die schweigen“ werden Faserstrukturen und gedeckte Naturtöne zu einem dichten Geflecht. „Stille Verführung“ und „Independent Women“ öffnen die Materialwelt in Richtung Schrift, Collage und figurativer Andeutung. Trotz dieser unterschiedlichen Farbwelten verbindet alle Werke dieselbe künstlerische Haltung: Struktur wird zum Träger von Emotion, Veränderung und innerer Entwicklung.

    So entstehen keine Abbilder von Landschaften, sondern innere Zustandsräume mit landschaftlicher Wirkung. Manche Arbeiten erscheinen archaisch und erdverbunden, andere fließend und atmosphärisch. Gemeinsam ist ihnen eine starke physische Präsenz: Man sieht Farbe nicht nur, man ertastet ihre Tiefe beinahe mit dem Blick.

    Unterschiedlichste Farbwelten und Materialien verbindet ein gemeinsames Motiv: die Transformation. Brüche, Schichtungen und Veränderungen werden in Pelkowskis Arbeiten nicht als Endpunkte verstanden, sondern als Prozesse, aus denen neue Formen, neue Kraft und neue Perspektiven entstehen.

    Eine Handschrift wird öffentlich

    Die kuratierte Gruppenausstellung in der GlowArt Gallery im Leine-Center, Hannover/Laatzen, ist für Pelkowski der nächste Schritt in ein professionelles Galerieumfeld. Zugleich bietet sie dem Publikum die Möglichkeit, jene Oberflächen im Original zu erleben, deren Wirkung sich in Abbildungen nur andeutet. Die Vernissage am 15. August 2026 um 16 Uhr eröffnet die Schau; bis zum 26. September bleiben die Arbeiten zu sehen. Bei der Midissage am 12. September von 15 bis 18 Uhr ergibt sich eine weitere Gelegenheit zur Begegnung.

    Wer vor Pelkowskis Bildern steht, begegnet deshalb nicht nur Farbe, Kalk und Harz. Ein Riss kann Wunde und Öffnung sein, eine Kante Begrenzung und Beginn. Sonja Pelkowski hält beides im Bild offen – denn ihre Kunst erzählt nicht vom Bruch selbst, sondern von der Kraft der Transformation. Genau darin liegt ihre besondere Stärke.

    Fotografin Profilbild: Sandra Friedrich

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